In my humble opinion

Ich nehme die Dinge immer so persönlich. Besonders bei schriftlichen Diskussionen fühle ich mich schnell missverstanden oder persönlich angegriffen. In mindestens zwei Fällen, an die ich mich sehr gut erinnere ist es auf Grund von derartigen Diskussionen zu echtem Streit gekommen. Beide Streitfälle haben zu einem Verlust an gutem Willen meinerseits gegenüber dem anderen Streithahn geführt, der in beiden Fällen Jahre brauchte um wiederhergestellt zu werden. Das Folgende sei ein Versuch einer Analyse warum diese Problem aufgetreten sein könnten.

1. Die Interpretation des Ungesagten

Einer der Gründe und Ursprung beider Diskussionen ist meine eigene Beschränktheit. Ich selbst beschränke meine Kommunikationsfähigkeit. Denn ich kann maximal das “bewusst” kommunizieren, was ich von mir selber weiss, der Rest sind verschwommene Andeutungen, Subjektivität und “Ungesagtes”. Ein wichtiger Teil von Literatur ist genau das. Als ich Montauk gelesen habe, habe ich mir viele Gedanken gemacht, über all das Ungeschriebene und habe das Gefühl gehabt zu verstehen, was dort nicht stand. Das Buch hatte für mich eine zweite Ebene. Hätte ich Max Frisch dazu befragen können, wäre meine Sicht mit grosser Sicherheit eine andere gewesen, als das was er in seinem Werk sieht. Es ist sein Buch, aber deswegen ist seine Interpretation nicht die einzig mögliche Sicht (möglich ist etwas anderes als richtig!). Ich habe für mich durch meine Sichtweise etwas “gelernt” oder “mitgenommen” und daher ist es für mich sekundär ob ich mit dem Autor übereinstimme oder mit der Interpretation meines Deutschlehrers. Montauk hat mir umso viel mehr bedeutet wegen dieser zweiten hineingedachten Ebene. Der Unterschied zwischen Literatur und “schriftlichen Diskussionen” ist aber, dass es bei Diskussionen, die dem Meinungsaustauch oder gar -abgleich dienen sollen, nicht wünschenswert ist eine solche Metaebene zu erzeugen. Und doch lässt es sich kaum verhindern, unter anderem bedingt durch den schriftlichen Austausch, der die Kommunikationsmöglichkeiten noch weiter beschränkt als es der einzelne selbst tut. Bezeichnend ist übrigens, dass ich kaum jemandem erklären konnte, warum genau mir Montauk so besonders gut gefallen hatte.

Wenn ich mich selber nicht durchschaue, sind (von mir als solche empfundene) Missverständnisse vorprogrammiert, da ich unter Umständen mit Aspekten meinerselbst konfrontiert werde, die ich selber nicht verstehe oder mir nur einfach nicht eingestehe. Denn für mich haben meine Aussagen unter Umständen eine andere Semantik als für meine Leser. Jemand, der meine Texte liest, versteht vielleicht besser als ich, was in mir vorgegangen ist. Vielleicht glaubt er auch nur, es besser zu verstehen, oder er versteht gar schlechter als ich selber, was ich sagen wollte (was auch an schlechter Formulierung meinerseits liegen kann natuerlich). Bei einem Roman geht es genau darum und ich habe selber bereits Texte geschrieben wo es primär um die Erforschung des Subjektiven ging. Bei schriftlichen Diskussionen bin ich aber nicht bereit meinem Leser die Freiheit der Interpretation zuzugestehen, ich möchte, dass er exakt das versteht, was ich sagen wollte. Tut er das aber nicht, kann ich nicht einmal sofort widersprechen. Der Leser wird also mit der falschen Annahme weitermachen und ich fühle mich dann sehr wahrscheinlich missverstanden oder unter Umständen sogar verletzt weil der erste Fall eingetreten ist: jemand hat mich besser verstanden als ich selber und mich mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert. Und schon die Angst vor dem Auftreten dieser Missverständnisse resultiert in einer gewissen Unsicherheit.

2. Einsame Worte

Ich lese gerne Emotionen in Texte hinein, schliesslich fehlen Gestik und Mimik. Ganz automatisch versuche ich mir den Gesichtsausdruck und den Tonfall des Autors vorzustellen, was man merkt wenn ich laut vorlese. Wenn ich meine eigenen Texte laut vorlese ändere ich häufig noch einiges, weil ich feststellen muss, dass der Text gar nicht dem entspricht was ich sagen wollte. Und das sind dann leider nur die offensichtlichen Korrekturen. Ausserdem habe ich nicht immer – wie beispielsweise jetzt – die Möglichkeit meine Sachen noch einmal laut zu lesen.

Umgekehrt ist es übrigens so, dass ich das Gesagte bei einem Gespräch weniger deutlich warnehme, manchmal sogar Worte überhöre, als wenn ich einen Text genau studiere. Auch das kann zu Missverständnissen führen, die aber meist schneller geklärt sind, da Erzähler und Zuhörer beide anwesend sind! Nichts bewahrt mich jedoch davor in einen Text die falschen Emotionen hineinzulesen ausser dem raren “Smiley”, der – wie mir die Erfahrung sagt – in den seltensten Fällen den gewünschten Effekt hat.

Oft habe ich ausserdem das Gefühl, dass neben Gestik und Mimik der Respekt, den man der realen Person entgegenbringt, bei diesen – zwar asynchronen doch irgendwie schnellen – Internetdiskussionen verloren geht. Ihre Ausstrahlung und Präsenz können die wenigstens in Worte fassen. Man verliert die Person aus den Augen – sie ist ja nicht da – und konzentriert alles auf ein paar Worte von denen man nicht weiss mit wie viel oder wie wenig Bedacht sie plaziert wurden. Der Autor ist nicht anwesend und kann sich nicht dagegen wehren, gleichzeitig ist es die Natur der Diskussion, dass er später gezwungen sein wird sich mit der subjektiven Verarbeitung seiner Worte auseinanderzusetzen. Es werden ja schliesslich Antworten erwartet.

3. Ist der Weg das Ziel?

Dann gibt es ausserdem noch das Problem, dass manche Diskussionen um der Diskussion willen geführt werden. Ich persönlich präferiere es Diskussionen nur mit einem klaren Ziel zu verfolgen. Ist mir dieses Ziel unklar lasse ich mich unweigerlich auf etwas ein, was für mich zumindest kein gutes Ende nehmen kann. Ich versuche natürlich mich von dieser Sorte Diskussion fernzuhalten, was mir aber nicht immer gelingt: woran erkennt man denn, ob eine Frage gar keine Antwort sucht sondern lediglich eine leere Provokation darstellt, die darauf wartet gefüttert zu werden, um dann neue Provokationen zu erzeugen? Viele Fragen provozieren mich zu einer Beantwortung. Entweder interessiert mich das Thema oder die Frage ist so gestellt, dass ich nicht umhin komme zu widersprechen. Viel zu oft tappe ich in diese Falle.

Da ich schon oft genug Probleme damit hatte, versuche ich das Problem zu umgehen indem ich meine Ansichten so vorzutrage, dass sie als das erkennbar sind: meine Ansichten. Ich versuche alles “hieb und stichfest” zu formulieren: Beispiele sollen Thesen untermauern oder begründen, warum meine persönliche Meinung sich so oder so ergeben hat. Ich versuche alles in Betracht zu ziehen, da ich ungerne meine Meinung ändere wie der Wind seine Richtung. Ich versuche eine wohlfundierte Analyse der Frage. Ich versuche meine eigene Subjektivität als solche zu erkennen und auszumerzen wo notwendig oder als solche zu markieren wo unumgänglich. Letztlich bleibt meistens ein Quentchen Unsicherheit und die nicht vorhandene Perfektion.

Wenn es aber lediglich ums weiterdiskutieren geht, findet sich sowieso immer ein angreifbarer Punkt und die Unsicherheit oder eigene Unklarheit wird auf einmal in den Mittelpunkt gerückt. Diese Erfahrung mache ich auch jedes Mal wieder. Ich bin dann enttäuscht, dass es mir einmal wieder nicht gelungen ist mich klar auszudrücken. Traurig, dass gerade der wichtige Punkt übersehen wurde und stattdessen irgendetwas (meiner Meinung nach) Nebensächliches ans Licht gezerrt wurde. Diese Enttäuschung und das daraus resultierende sich “schwach” fühlen und die bereits vorhandene Unsicherheit verwandeln sich leicht in “sich angegriffen fühlen” mit nachfolgenden aggressiven Gegenargumentationen. Natürlich wieder mit dem Versuch alles wasserdicht zu machen. Eine Endlosschleife ohne Abbruchbedingung, bis es knallt.

Fazit

Mischt man alle drei Zutaten zusammen – das Interpretieren und Analysieren dessen, was nirgends steht, die fehlenden Unterstützung durch wichtige Komponenten normaler zwischenmenschlicher Kommunikation und die Ziellosigkeit mancher Diskussionen – ergibt sich eine explosive Mischung. Deswegen möchte ich versuchen mich von solcherlei Kommunikation lieber fernhalten, bis ich für mich einen Weg gefunden habe, eine der drei Zutaten aus dem Rezept herauszuhalten. Sonst kann ich mir irgendwann nicht mehr sagen: “Hey du magst diese Person, sie meint es ausserdem bestimmt nicht so, wie du gerade denkst, bleib ruhig …”

Und einmal wieder faellt mir mein liebstes Hilde Domin Zitat ein “Ein Wort ist wie ein Pfeil, einmal abgeschossen kannst du ihn nicht mehr zurückholen” und um wieviel stärker gilt das für Schriftliches, denn “wer schreibt, der bleibt.”

Tja so ist das also. Viel schlauer bin ich nicht geworden, aber aufschreiben hilft manchmal.